Die Quinoa wächst am Fuße des mächtigen Chimborazo

Die Quinoa wächst am Fuße des mächtigen Chimborazo

Quinoa

Quinoa

Quinoa, die Zauberpflanze aus dem Andenhochland

von Gregor Sieböck

Als ich vor zehn Jahren 3.000 Kilometer zu Fuß die königlichen Inkastraße von Peru bis Ecuador die Anden entlanggewandert bin, gab mir ein Brei aus Quinoa und sonnengetrockneten Tomaten nicht selten die nötige Kraft, um den unglaublichen Strapazen der Wanderung Stand zu halten. Wenn ich oftmals 40 oder 50 Kilometer Etappen auf über 4.000 Meter Höhe an einem Tag zu gehen hatte, so freute ich mich immer wieder auf ein köstliches Abendessen mit Quinoa. Das Korn wächst auf über 3.000 Meter, hoch oben in den Anden und ist ein gar wundersames Lebensmittel. Das wiederentdeckte Grundnahrungsmittel der Inkas hat einen nussigen Geschmack und verfügt über einen überdurchschnittlich, ausgewogenen Nährstoffgehalt sowie einen hohen Anteil an Mineralien und Eiweiß. Bereits vor hunderten von Jahren wussten die Inkas Quinoa zu schätzen. Für sie war es eine besondere Kraftquelle und verlieh ihnen eine abwehrstarkes Immunsystem. Der Anteil und die Zusammensetzung an Nährstoffen ist einzigartig, denn Quinoa verfügt über reichlich Eiweiß, Calcium, Magnesium, Eisen, Vitamin B1, B2, C und Vitamin E und überbietet herkömmliche Getreidesorten, wie z.B. Weizen, um ein Vielfaches. Quinoa enthält auch in hohem Maße mehrfach ungesättigte Fettsäuren und ist auch ein echter Glücksbringer, denn aus dem im Korn enthaltenen Tryptophan kann im Gehirn das Glückshormon Serotonin gebildet werden. Besonders in sonnenarmen Jahreszeiten gehört Quinoa zu den wenigen Produkten, die das Wohlbefinden merklich steigern. 

Quinoa
Quinoa
Getrocknete Quinoa
Getrocknete Quinoa

Quinoa wird zu den Fuchsschwanzgewächsen (Amaranthaceae), früher Gänsefußgewächse, gerechnet und ist botanisch mit Mangold und der Roten Bete verwandt. Quinoa ist kein Getreide, sondern eine Körnerfrucht. Verwendet werden die senfkorngroßen Samen sowie die Blätter, die von den Andenbewohnern als Gemüse zubereitet werden. Die einjährige krautige Pflanze kann bis zu zwei Meter hoch werden. Sie hat fingerförmige Teilblütenstände und die Farbe der Samen reicht von schwarz über rot bis hin zu hellgelb. Weil die Samen ungleich reifen, müssen sie von Hand geerntet werden. 

Der Chimborazo
Der Chimborazo
Die Quinoaernte. Viele der Felder sind nur zu Fuß erreichbar (so wie hier in der Nähe von Pisac in Peru: Quinoa wird vor allem in Ecuador, Peru und Bolivien angebaut)
Die Quinoaernte. Viele der Felder sind nur zu Fuß erreichbar (so wie hier in der Nähe von Pisac in Peru: Quinoa wird vor allem in Ecuador, Peru und Bolivien angebaut)
Quinoafeld in der Provinz Chimborazo
Quinoafeld in der Provinz Chimborazo

Quinoa wird im Andenhochland auf einer Höhe zwischen 3.000 und 4.500 Meter Seehöhe angebaut. Es gedeiht im trockenen Klima am Rande des des großen Salzsees Salar de Uyuni in Bolivien genauso wie am Fuß des über 6.000 Meter hohen Chimborazo in Ecuador. Genau in jener Provinz südlich des Chimborazo besuchte ich die Quinoabauern der Ökokooperative Sumak Life. Sumak kawsay, ein Begriff aus der indigenen Sprache Quechua steht für das "gute Leben". Sumak kawsay zielt auf materielle, soziale und spirituelle Zufriedenheit für alle Mitglieder der Gemeinschaft, jedoch nicht auf Kosten anderer und auch nicht auf Kosten der natürlichen Lebensgrundlage Das "gute Leben" kann als ein Zusammenleben in Vielfalt und Harmonie mit der Natur verstanden werden. Sumak kawsay wurde 2008 an zentraler Stelle als Staatsziel in der Verfassung von Ecuador verankert. Ein Jahr später fand das Konzept suma qamaña auch Eingang in die bolivianische Verfassung. In der Tagespolitik der beiden Staaten spielt das "buen vivir", das "gute Leben" allerdings noch eine untergeordnete Rolle und wird vor allem in Ecuador – weniger in Bolivien - weiterhin von Bestrebungen des Wirtschaftswachstums dominiert. Als einziger Staat der Erde hat hingegen Bhutan einen ähnlichen Grundsatz, nämlich das Bruttonationalglück als Fortschrittsindikator, wirklich zur Staatspolitik erhoben und lässt den Worten auch klare Taten folgen.

Sumak Life in der andinen Provinz Chimborazo vereint 550 Genossenschaftsmitglieder, die meist kleine Parzellen bewirtschaften. Die Bauern pflanzen Quinoa und die Genossenschaft sammelt die Ware ein, verarbeitet diese weiter und verkauft sie schließlich in Europa und den USA. Die Genossenschaft bietet den Bauern Fortbildungsprogramme in Biolandbau und Kleinkredite an. Sumak Life handelt nur mit Bioprodukten, um eine natürliche Umwelt und den Schutz der Lebensgrundlage der Menschen zu gewährleisten. Dank der genossenschaftlichen Vereinigung erhalten die Bauern höhere Preise für die Quinoa und bekommen dadurch einen Ausgleich für ihre harte Arbeit. Seit 8 Jahren produzieren sie gemeinsam pro Jahr 400 Tonnen biologische Quinoa und auch diverse Heilkräuter. Josef Zotter kauft bei Sumak Life noch keine Quinoa. Zotter verwendet bisher noch überhaupt keine Quinoa für seine Schokoladen; doch vor meiner Reise bat mich Ulrike Zotter, in Südamerika doch auch eine Quinoalieferanten zu besuchen, um einen ersten Kontakt herzustellen.

Die Geschäftsführer von Sumak Life in Riobamba
Die Geschäftsführer von Sumak Life in Riobamba

Das Leben der Bauern im ecuadorianischen Andenhochland ist sehr einfach und auch entbehrungsreich. Die kleinen Felder werden mit der Hand bebaut und geerntet und als Last- und Tragtiere nützt man Esel. Die Bauern wohnen in einfachen, selbstgebauten Lehmhütten, schlafen oft auf Decken am gestampften Lehmboden, kochen und heizen auf einer offenen Feuerstelle und waschen sich am nahegelegenen, meist eiskalten Bach. Einmal in der Woche gibt es in der Gegend einen großen Markttag wo sie ihre Produkte feilbieten, Handel betreiben und sozialen Austausch pfelgen. Der tägliche Rhythmus orientiert sich an der Sonne, die in Äquatornähe 12 Stunden lang scheint – nachts ist es auf über 3500 Meter Höhe bitterkalt und so suchen die meisten Schutz um die Feuerstelle oder den Kamin. Die Bauern tragen noch die bunte Andentracht und traditionelle Hüte. Das bietet ein gar märchenhaftes Bild wenn in den farbigen, kleinen Feldern viele bunte Farbtupfen zu sehen sind, während die Bauern ihre Haustiere auf die Weide treiben oder auf den Feldern arbeiten. Das ganze Bild wird vom mächtigen Schneeberg des Taita Chimborazo, des Vater Chimborazo, wie ihn die indigene Bevölkerung nennt, überragt. Seine großen Gletscher leuchten in den Andensonne. 

Die Ernte in Ecuador ist Handarbeit
Die Ernte in Ecuador ist Handarbeit
Die Tiere werden täglich auf die Weide getrieben.
Die Tiere werden täglich auf die Weide getrieben.

Für einen Reisenden bietet die Gegend viele Geschenke und es ist fürwahr ein ganz besonderer Ort, um die Andenkultur der indigenen Bevölkerung und das Leben hoch oben in den Bergen, das sich seit Jahrhunderten kaum gewandelt hat, näher kennen zu lernen. Ausgangspunkt könnte die Hauptstadt Quito sein, von wo man sogar mit dem Zug über hohe Pässe entlang der Avenida de los Volcanes, der Straße der Vulkane, wie sie einst Humboldt nannte, in den Süden, zu den bunten Quinoafeldern reisen kann. Vor allem kurz vor der Quinaernte im Juni und Juli schmücken ihre leuchtenden Farben die Landschaft.

Mehr Informationen über Sumak Life finden Sie unter: www.sumaklife.com.ec