Gehen S' bitte wählen

Josef Zotters Kopfstände | 17. Mai 2019 | Josef Zotter

Josef Zotter im Kakaobohnenlager

Am 26. Mai ist die Wahl zum EU-Parlament. Jaja, an der EU gibt es viel auszusetzen. Die Tatsache, dass wir wählen dürfen gehört aber nicht dazu.
 
In Brüssel geben sich die Lobbyisten die Klinke in die Hand. Dass die Entscheidungen meistens von Fachministern und Regierungschefs getroffen werden, ist nicht gut. Es gibt keine Europa-weiten Listen, sondern nur Zusammenschlüsse. Die Liste ließe sich noch ein bisschen weiter fortführen. Aber: Wie toll ist das, dass man 74 Jahre nach dem Millionen-Töten des 2. Weltkriegs, gut drei Jahrzehnte nach Ende der Teilung des Kontinents in West und Ost, gemeinsam ein Parlament wählen kann, in dem die Polin neben dem Protugiesen, der Schwede neben dem Griechen und die Österreicherin neben dem Iren sitzt? Ich finde das grandios.
 
Und wenn es nur um's Prinzip geht. Das tut es aber nicht.
 
Wir haben alle mitbekommen, dass die Gesellschaft immer polarisierter wird. Die menschenverachtenden Schreier, die vergessen haben, was da genau vor 74 Jahren geendet hat. Das sind meistens so ein paar Prozent, sagen wir der Einfachheit halber 15. Wenn also von 100 Personen, 15 Personen ein derartiges Weltbild haben, ist das wohl leider so.
 
Das wahre Problem ist der Politikverdruss. Denn bei der letzten Europawahl betrug die Wahlbeteiligung lediglich 45,39 Prozent in Österreich. Und Menschen, die ein – sagen wir – nicht so weit verbreitetes Weltbild haben, stehen oftmals eher dazu. Sprich: Wenn von den 100 Personen dann 50 daheim bleiben, von den 15 mit dem furchtbaren Weltbild aber dennoch zehn wählen gehen, dann hätte eine derartige Partei nicht 15, sondern 20 Prozent. Würden noch immer 50 Personen daheim bleiben und alle 15 wählen, dann wären es 30 Prozent.
 
Nein, es ist nicht alles super an dieser Europäischen Union und über das Angebot der heimischen Parteien lässt sich generell auch trefflich diskutieren. Aber Demokratie ist kein Wunschkonzert, sondern der Versuch, möglichst viele Interessen zusammenzuführen. Jetzt kann man entweder sagen: Habt's mich doch alle gern. Oder man rafft sich auf, macht sein Kreuzerl von mir aus beim kleinsten aller Übel, wählt mit Bauchweh, aber wählt.

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