Josef und Ulrike Zotter haben vor mehr als 38 Jahren ihr Unternehmen in Graz als traditionelles Kaffeehaus mit Konditorei eröffnet. Danach kamen Höhen und Tiefen eines Unternehmerlebens und aus vier Kaffeehäusern wurde eine kleine Schokofabrik in Riegersburg am Bauernhof von Josefs Eltern. Mittlerweile ist hier eine Erlebniswelt entstanden, die zu den beliebtesten Ausflugszielen der Steiermark zählt. Das Umweltmanagement des Unternehmens wurde mehrfach international ausgezeichnet. Mit 230 engagierten Mitarbeitern zählt der Betrieb zu einem der größten Arbeitgeber der Region. Im Frühling tritt Josef Zotter seinen wohlverdienten Ruhestand an und Tochter Julia übernimmt mit ihrem Bruder Michael das Ruder im Familienbetrieb.
Von Anfang an hat Julia die unternehmerischen Entscheidungen ihrer Eltern beeinflusst, denn Josef und seine Freundin Ulrike planten in den USA eine Apfelstrudelfabrik zu eröffnen. Josef hat schon eine Weile in New York gearbeitet und Ulrike sollte nun nachkommen. Aber daraus wurde nichts, denn ein Baby durchkreuzte die Pläne der jungen Auswanderer. So fuhr Josef zurück in die Steiermark, es wurde geheiratet und das erste Kaffeehaus als Jungfamilie in Graz eröffnet. Das war 1987.
So hatte Julia vom ersten Tag an einen Platz in der Geschäftsführung, wie das im Familienunternehmen so üblich ist. Auch das Familienleben fand zum Teil im Unternehmen statt, da sich die kleine Wohnung der Zotters direkt über der Konditorei am Grazer Glacis befand. Damit sie einen Spielgefährten hat, kam knapp ein Jahr später Michael auf die Welt und wurde ebenfalls vom ersten Tag an Jungunternehmer.
Dass Michael eine Vorliebe für Elektronik hatte, war bald klar, als er als Teenager den PC von Ulrike zerlegte, um nachzusehen, wie er funktioniert. Leider zum Schaden des Computers, aber die Leidenschaft für die IT war geweckt.
Bei Julia ging es in Jugendtagen in ganz andere Sphären, wortwörtlich, denn Julia hatte beschlossen, Astronautin zu werden und träumte schon als Kind von der großen weiten Welt.
Die Insolvenz der Kaffeehäuser 1996 prägte die Familie und nur ein konsequenter dreijähriger Sparkurs ermöglichte eine Sanierung und einen Neustart mit nur einem Kaffeehaus. Das Kaffeehaus wurde nach demokratischer Abstimmung der Familie jedoch geschlossen und der Grundstein für die Schokofabrik am elterlichen Hof von Josef in Riegersburg gelegt. Aus einem einfachen Grund: Es war die billigste Option für einen Neubeginn mit geringen Schulden. Ob die Abstimmung tatsächlich so demokratisch war, darüber wird gemunkelt, denn Ulrike hätte gerne den wirtschaftlich sicheren Weg mit einem Kaffeehaus in Graz gewählt und stand dem Abenteuer, die Zukunft ganz der Schokolade zu widmen, vorerst skeptisch gegenüber. Sie konnte dann aber doch überzeugt werden, ihre Stimme der Schokolade zu geben.
Die Kinder waren da wesentlich flexibler, denn aus dem täglichen Stück Kuchen wurde eine Tafel Schokolade und wenn sie fleißig Auszeichnungen auf die frisch produzierten Tafeln geklebt hatten, gab es zur Belohnung Kinokarten. Ein Deal, der Julia und Michael sehr gut gefallen hat.
In den folgenden Jahren wurden aus den Kindern Teenager und Julia beschloss als Gymnasiastin, ein Auslandsjahr zu absolvieren. Das Abenteuer rief. Auf dem Weg zum Infoabend wurde im Auto über einen Aufenthalt in Australien diskutiert. Julia war es wichtig, dass sie viel Neues kennenlernt. Australien erschien ihr eine exotische Destination zu sein. Doch auf dem Heimweg überraschte sie ihre Eltern mit einer Anmeldung für ein Auslandsjahr in China! Es hatte sich herausgestellt, dass viele Interessenten nach Australien wollten und für China war Julia die einzige Anmeldung.
So fuhr sie mit 16 Jahren für zwölf Monate nach China, zu einer Familie in die Provinz. Sie musste schnell die Sprache lernen, wurde anfangs gefüttert, da sie nicht mit Essstäbchen umgehen konnte, und sie schlief mit ihrer Gastschwester in einem Bett, wie es in chinesischen Familien üblich ist. Sie wurde als Tochter in die Familie aufgenommen, denn es war für die Gastfamilie die einzige legale Möglichkeit im strengen Regime der chinesischen Einkindpolitik, ein zweites Kind zu bekommen – zumindest temporär. Julia besuchte eine Schule und musste vor dem Unterricht an militärischen Übungen teilnehmen. In einem der wenigen Telefonate erzählte sie ihren Eltern fröhlich: „Stellt euch vor, ich habe jetzt sogar einen eigenen Kasten für meine Sachen!“
Das Jahr verging und Julia kehrte zurück in die Steiermark. Sie hatte leider keine Gelegenheit, ihren Bruder Michael zu sehen, denn der war bereits auf dem Weg nach Panama zu seinem Auslandsjahr. Dabei hätte es etwas sehr Wichtiges zu erzählen gegeben, aber Michael durfte nichts verraten. Was Julia nicht wusste: Zuhause standen Veränderungen an, denn es wurde ein Geschwisterchen erwartet. Valerie hat 2005 das Familienglück als Nachzüglerin erweitert. Was für eine Überraschung!
Bereits 2004 wurden die Zotters Partner des Fairen Handels, reisten in Anbaugebiete und 2007 wurde im Zuge der ganzheitlichen Bio-Umstellung auch das Bean-to-Bar-Werk eröffnet. Damit erfolgte die größte Investition der Unternehmensgeschichte.
Julia und Michael studierten in Wien Lebensmitteltechnologie und Julia schmiedete schon bald Pläne für eine Expansion nach China. Das Land hatte ihr Herz erobert und sie wollte den Gedanken des Fairen Handels und der biologischen Landwirtschaft nach China bringen. 2014 wurde nach langen Bauarbeiten aus einer ehemaligen Hemdenfabrik in Shanghai unter der Leitung von Julia ein Schokoladen-Theater. Astronautin wollte sie zu diesem Zeitpunkt nicht mehr werden, aber das Vorhaben war mindestens ebenso außerirdisch!
2020 musste Julia China schnell verlassen, da Corona vieles sehr unsicher machte. Inzwischen wird das Schokoladen-Theater in Shanghai von einer chinesischen Geschäftsführerin geleitet und Julia ist zurück in der Oststeiermark. Durch ihre vielen Reisen und Auslandsaufenthalte spricht sie fünf Sprachen fließend und bringt immer wieder neue Rezeptideen mit, die mit Hilfe von Josefs Erfahrung umgesetzt werden. So sind in den letzten Jahren geniale neue Produkte entstanden. Als gelernte Konditormeisterin und beste Absolventin ihres Jahrgangs der renommierten Pâtisserieschule „Le Cordon Bleu“ in Paris bringt sie alle Voraussetzungen mit, um die Produktentwicklung zukünftig zu übernehmen.
Michael hat nach der Uni noch eine FH besucht. Er hat bei Zotter den IT-Bereich neu strukturiert, die technische Infrastruktur für den EDV-Bereich aufgebaut, den Webshop und das Warenwirtschaftssystem übernommen und auch den gesamten Maschinenpark der Produktion digitalisiert und zentral zusammengeführt. Inzwischen ist er Papa von einem kleinen Sohn, der auch schon begeistert ein bisserl Zeit im Unternehmen verbringt.
Josef und Ulrike Zotter werden sich im Frühling, nach Josefs 65. Geburtstag, langsam aus der Geschäftsführung zurückziehen, der jungen Generation aber weiter mit Rat zur Verfügung stehen. Das Unternehmen war von Anfang an ein Gemeinschaftsprojekt. Julia und Michael sind unbestritten die langjährigsten Mitarbeiter und haben das Unternehmen auch von Anfang an mit geprägt. Julia übernimmt nun mit 1. März die Geschäftsführung. Michael wird ihr als Bruder und Partner dabei zur Seite stehen. Wer weiß – wenn Valerie in ein paar Jahren ihre Ausbildung abgeschlossen hat, wird auch sie Teil der Unternehmensführung bei Zotter. Denn auch sie ist im und mit dem Unternehmen aufgewachsen. Die „Zotter-DNA“ haben sie jedenfalls alle drei.