"Schwer zu vermitteln": Zotter-Porträt im Impulse-Magazin

Artikel im Magazin des impulse-Unternehmernetzwerks, erschienen in der Print-Ausgabe April / 2026, Text: Verena Bast

ZWEITE CHANCE: Josef Zotter rutschte mit seiner ersten Firma in die Pleite. Doch das war auch sein Glück: Ohne sie würde es seine Schokoladenfabrik mit Millionenumsätzen wohl nicht geben. Seine Geschichte zeigt, wie aus Scheitern Mut wächst und etwas Außergewöhnliches entstehen kann.

Mit einem Finger bohrt er in seiner Nase. Auf seinem rechten Knie ist ein großes Pflaster, auf seinem Rücken sitzen zwei kleine Flügel. "Sepp, der Nasenbohrer" steht auf dem Schild daneben. "Das bin ich", sagt Josef Zotter schmunzelnd über die Statue. Sepp, so nennen sie ihn alle hier im Ort.

Die Figur steht in seiner Schokoladenfabrik im steirischen Dorf Bergl. Sie erzählt seine Geschichte, in Bronze gegossen. Deshalb zeigt er sie Besuchern so gerne.

"Nasenbohren ist frech, oder?", fragt er, wenn man ihn auf die Figur anspricht. Jeder tue es, aber nicht in der Öffentlichkeit. Ihn stört das nicht. Er bricht gerne mit Konventionen.

Und die Flügel? "Die tragen mich heute und lassen mich ein bisschen abheben", sagt der Unternehmer. Sie stehen für seinen Erfolg. Zotter produziert mit fast 240 Mitarbeitenden 1000 Tonnen Schokolade pro Jahr, darunter sind viele außergewöhnliche Sorten wie Kürbiskern mit Marzipan, Nougat aus Macadamianüssen oder Portwein & Feige.

Der Schokoladentester Georg Bernardini kürte ihn zu einem der besten Schokoladenhersteller der Welt. Auch für das Magazin "Der Feinschmecker" gehört eines seiner Produkte zu den Top Ten.

Das Pflaster auf dem Knie der Figur erinnert an die dunklen Zeiten. Vor 30 Jahren musste Zotter Insolvenz anmelden. Damals betrieb er eine Konditorei in Graz mit vier Geschäften. "Ich habe einfach zu viel riskiert", sagt er.

Doch so schwierig die Pleitezeit war, sie war auch Zotters Glück: "Ohne sie gäbe es den Betrieb hier in Bergl wahrscheinlich nicht", sagt der 65-Jährige heute.

Seine Geschichte zeigt: Eine Insolvenz kann eine Chance sein, Fehler zu korrigieren und Neues zu wagen – mit Mut, Durchhaltewillen und Ideenreichtum.

Doch wie gelang es Zotter, im zweiten Anlauf so erfolgreich zu werden? Um das zu verstehen, muss man tiefer in seine Geschichte eintauchen.

Erst größenwahnsinnig, dann pleite
Eigentlich wollte Zotter früher nur eins: weg aus seinem Heimatdorf Bergl, hinaus in die Welt. Nach seiner Ausbildung zum Koch und Konditor wanderte er nach New York aus. Im Gepäck hatte er große Träume. Er arbeitete sich in der Metropole zum Koch in einem Sternerestaurant hoch. Sein Ziel: nichts Geringeres als eine eigene Apfelstrudelfabrik in den USA aufzubauen.

Doch es kam anders: Seine Freundin Ulrike, die später nachgekommen war, wurde schwanger – und der Plan war beiden zu riskant. Sie beschlossen „erst mal für drei Jahre" nach Österreich zurückzugehen.

In Graz mieteten sie eine Konditorei in der Nähe der Universität. Sie warfen die alten Kronleuchter raus, schraubten lediglich Glühbirnen in die Fassungen. "Wir wollten etwas Cooles machen", sagt Zotter. Seine Torten waren eckig und asymmetrisch, nicht rund, mit ungewöhnlichen Zutaten wie Chili oder Hanfsamen.

Die älteren Kunden seien entsetzt gewesen und weggeblieben. Die Studenten der Uni nebenan hätten es dagegen geliebt, sagt er. Die Konditorei boomte. Zotter expandierte, eröffnete drei neue Filialen und beschäftigte 58 Mitarbeitende. "Ich dachte, wenn wir zwei oder drei Betriebe haben, werden wir effizienter, und es geht uns wirtschaftlich besser."

Doch mit der Expansion stiegen die Kosten. Allein für die Darlehen, durch die er das Wachstum und den Ausbau der Filialen finanzierte, musste er umgerechnet rund 100.000 Euro jährlich an Zinsen zahlen. "Ich habe einfach zu viele Kredite aufgenommen", sagt er.

Wozu? Sein Hauptgeschäft habe er noch gemeinsam mit Freunden renoviert, erzählt er. Für die erste Filiale habe er dann einen Architekten engagiert, für die letzte sogar einen Stararchitekten. "Ich war größenwahnsinnig", sagt Zotter heute.

Er habe immer mehr gearbeitet, oft sogar von morgens um 3 bis abends um 22 Uhr. "Aber es ist trotzdem immer schlimmer geworden." Sein Steuerberater riet zu Investoren oder Sparmaßnahmen, beispielsweise bei den Zutaten für seine Torten. Beides lehnte Zotter ab. "Ich betrüge meine Kunden nicht! Da gehe ich lieber pleite!", habe er ihm geantwortet.

Gesagt, getan: 1996 meldete er Insolvenz an. Die Pleite sorgte für Aufruhr, doch viele Freunde und auch Kunden stärkten ihm den Rücken: "Der Zotter ist zwar pleite, aber es schmeckt immer noch gleich gut", hätten sie gesagt.

Er habe sich wirklich schlecht gefühlt wegen der Pleite, sagt Zotter. In der Zeit habe sich sein Vater nicht mehr getraut, in die Kirche zu gehen – aus Angst, dort auf seinen gescheiterten Sohn angesprochen zu werden. In Bergl, mit seinen rund 300 Einwohnern, kennt jeder jeden. "Ich war überzeugt, dass ich das Richtige tue – und ich mit der Insolvenz meine Fehler korrigieren kann."

Josef und Ulrike Zotter schmiedeten einen radikalen Plan: innerhalb von drei Jahren alle drei Filialen zu schließen. Mit jedem Geschäft, das sie zusperrten, sei es wirtschaftlich besser geworden, erzählt er. 1999 war das Unternehmen saniert und bestand nur noch aus demHauptgeschäft mit zwei Mitarbeitenden.

Nun hatte er wieder den Freiraum, eine Idee weiterzuverfolgen, auf die er bereits einige Jahre vor der Insolvenz gekommen war.

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Josef Zotter und seine Tochter Julia entwickeln die Rezepte der Schokoladen, mitunter sehr außergewöhnliche.Josef Zotter und seine Tochter Julia entwickeln die Rezepte der Schokoladen, mitunter sehr außergewöhnliche.