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Josef Zotters Kopfstände | 03. Dezember 2019 | Josef Zotter

Josef Zotter im Kakaobohnenlager

Bei manchen Angeboten, zum Beispiel zur Martini- oder Weihnachtsgans, fragt man sich ja schon, wie das Tier überhaupt gelebt hat.
 
Wir haben neulich die Walter Scheel Medaille in Bonn in der Villa Hammerschmid bekommen. Walter Scheel war ein sehr liberaler Vordenker, der gutes Essen geschätzt hat – das tu ich auch. Aber ich will es wirklich genießen können und wenn ich dann sehe, dass vor allem saisonales Essen wie das Martinigansl oder der Weihnachtskarpfen quasi zu Schleuderpreisen an die Leute gebracht werden, da stellt es mir die paar letzten Haare auf.
 
Ich will schon, dass jeder Mensch Zugang zu gutem Essen hat und es nicht den oberen Zehntausend vorbehalten ist, außergewöhnliche Speisen zu genießen. Aber wenn jeder alles immer zum Diskontpreis bekommt, dann geht sich die Rechnung im Sinne des Tierwohls nicht aus. Von Antibiotika und Zuchtbedingungen in der industrialisierten Landwirtschaft ganz zu schweigen.
 
Darum meine ich, dass wir mehr Geld ausgeben müssen für gutes Essen. Wie sich das schon wieder ausgehen soll? Indem wir uns von so mancher Ernährungsgewohntheit verabschieden. Wenn man jeden Tag Fleisch isst, ist das nicht nur nicht sonderlich gesund, sondern halt auch teuer. Gerade das Internet ist voll mit Rezept für bekömmliche, saisonale, vegane und vegetarische Gerichte, die meistens nicht viel kosten.
 
Und – sind wir uns ehrlich – wenn man nach einem langen Tag nachhause kommt, dann ist das Wichtige ja nur, dass man etwas isst, da muss es nicht jeden Tag Schnitzel, Bolognesesauce oder Schweinsbraten sein.
 
Viel mehr sollten wir wieder dorthin kommen, wo meine Eltern oder Großeltern waren: Tolle Speisen zu tollen Anlässen essen und vielleicht an einem grauen Mittwochabend dann doch „nur“ Knödel mit Ei, Spinat mit Kartoffeln oder ähnliches essen.
 
Macht man das, hat man am Samstag plötzlich wieder mehr Geld für gutes Essen im Börserl und kann sich dann eine richtig gute Biogans leisten, die gut aufgewachsen ist und eben nicht ein trauriges Dasein als Mastgans geführt hat. Das schmeckt dann auch doppelt so gut.

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